Die strategische Partnerschaft AWARE

Verortung der internationalen Hochschul- und Industriepartner der THI. ©THI




 

 

Die zunehmende Internationalisierung manifestiert sich im Wissenschaftsbereich über gezielte Internationalisierungsstrategien der Hochschulen. Diese legen fest, mit wem wie gezielt kooperiert werden soll. Hierzu zählen konkrete Maßnahmen in Forschung und Lehre, wie z. B. die Steigerung der international Studierenden (Outgoing/Incoming), der Aufbau von internationalen Studiengängen und Doppelabschlussprogrammen, internationale Forschungskooperationen sowie die Förderung des Austauschs auf allen Ebenen über Mobilitätsprogramme (Studierenden-, Gastprofessoren- oder Verwaltungsaustausch). Insbesondere beinhaltet eine kohärente Internationalisierungsstrategie die gezielte Auswahl von strategischen Partnern sowie die Konsolidierung dieser wenigen, qualitativ hochwertigen Partnerschaften. Als mobilitätsorientierte, forschungsstarke Hochschule für angewandte Wissenschaften ist der THI eine gezielte internationale Vernetzung mit Akteuren rund um den Bereich Automotive sowie Verkehrssicherheit in den Bereichen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft ein zentrales Anliegen. 

Bereits seit rund zehn Jahren engagiert sich die Hochschule in und mit den BRICS-Staaten, also Brasilien, Indien, China sowie Südafrika. Dies ist nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass es sich bei den BRICS-Staaten um die sprichwörtlichen Emerging Markets handelt, die als solche besonders stark die praxisorientierten Lehr- und Forschungsmodelle der Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAWs) nachfragen und in hohem Maße an deren anwendungsnahen, interdisziplinär und häufig entlang Branchen angelegtem Profil interessiert sind. Zudem steht in den großflächigen BRICS-Staaten das Thema Mobilität verstärkt im Vordergrund, nachdem dort insbesondere neuartige Technologien eine Reduktion der relativen Kosten für individuelle Reisen, Fracht und Telekommunikation mit sich bringen. Diese thematischen Felder werden in der Hochschulstrategie der THI mit adressiert und insbesondere über die Technologie- und Forschungsfelder Automotive und Luftfahrt sowie Automotive und Mobility Management entlang der großen Entwicklungslinien wie Digitalisierung, Sharing Economy oder Smart City abgedeckt. 

AWARE etabliert eine Netzwerkpartnerschaft, die in letzter Instanz auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit der regionalen Industrie auf dem Weltmarkt stärken soll. Vor diesem Hintergrund pflegt die THI bereits seit vielen Jahren Beziehungen zu brasilianischen Universitäten. Komplementär zu ihrer zunehmenden Positionierung als Mobilitätshochschule, der Empfehlung des deutschen Wissenschaftsrats für den Forschungsbau CARISSMA (Center of Automotive Research on Integrated Safety Systems and Measurement Area) sowie dessen internationaler Vernetzung lag ein weiterer strategischer Schwerpunkt im Aufbau der Beziehungen zu den südbrasilianischen Bundesstaaten Paraná und Santa Catarina. Dementsprechend gehören die beiden bundesstaatlichen Universitäten UFPR und UFSC sowie deren Mobilitätszentrum zu den Kernpartnern in diesem Netzwerk, des Weiteren Industrieunternehmen aus Deutschland und aus Brasilien sowie die Politik beider Länder, die mit Ministerien und Stiftungen die Kooperation flankiert und unterstützt. Die Mobilisierung und Einbindung dieser unterschiedlichen, sich in vielen Bereichen ergänzenden Institutionen ist aus unserer Sicht eine unabdingbare Voraussetzung für ein breit angelegtes Forschungsnetzwerk mit intensivem Praxis- und Technologiebezug und entsprechendem Innovationspotenzial.

Aus diesem Forschungsnetzwerk ging im Jahr 2013 auf Basis des vom BMBF finanzierten und vom DAAD geförderten Programms „Strategische Partnerschaften und Thematische Netzwerke“ das Projekt AWARE hervor. Dieses fokussiert 


• inhaltlich nachhaltige Mobilitätstechnologien und integrative Fahrzeugsicherheit,
• strukturell die internationale Vernetzung zwischen Forschung und Lehre und
• strategisch ein zu erweiterndes, projektbasiertes und sich ab 2019 selbst tragendes Netzwerk. 

Die konkrete Zusammenarbeit zwischen deutschen und brasilianischen Partnereinrichtungen erfolgt, dem Kernauftrag einer HAW entsprechend, zum einen durch den „Transfer über Köpfe“, etwa im Rahmen binationaler Doppelabschlussprogramme sowie einer Vielzahl an Mobilitätsmaßnahmen, etwa über Gastdozenturen, Summer Schools oder gemeinsame, sowohl in Brasilien als auch in Deutschland stattfindende Fachforen. Dies schafft zum anderen die Brücke vom „Transfer über Köpfe“ zum „Technologietransfer“, indem die Partner mit der Zielsetzung konkreter Ergebnisse gemeinsame Forschungs- und Drittmittelprojekte initiieren oder brasilianische Wissenschaftler an der THI arbeiten bzw. dort kooperativ promovieren.

Verfolgt werden diese Ziele durch die drei binationalen Forschergruppen:

• (Sichere) Elektromobilität/Energiespeicher/elektrische Antriebe
• Integrale passive Fahrzeugsicherheit
• Werkstoff- und Oberflächentechnik

Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie

• den Austausch von Master- und Ph.D.-Studierenden betreiben,
• gemeinsame wissenschaftliche Konferenzbesuche und -beiträge organisieren und
• laufende Drittmittelprojekte bearbeiten.

Nach knapp vier Jahren Förderung können alle Beteiligten auf eine intensive Phase der Partnerschaft blicken, in der zwar letztlich naturgemäß nicht sämtliche definierte Ziele umgesetzt, im Ausgleich dafür jedoch diverse Synergieeffekte erreicht werden konnten.Unter den vorab definierten Zielen

• wurden drei Doppelabschlussabkommen zwischen dem THI-Master International Automotive Engineering und diversen Masterprogrammen im Bereich Maschinenbau/ Elektrotechnik an den Partneruniversitäten unterzeichnet,
• wurde ein reges Gastdozenten-Austauschprogramm aufgebaut (3–4/Jahr),
• wurde eine abwechselnd in Brasilien und Deutschland stattfindende International  Automotive Summer School initiiert.

Diese Internationalisierungsmaßnahmen schlagen sich auch in den allgemeinen Zahlen nieder. Seit 2013, dem Beginn der Förderung von AWARE, verzeichnet die THI rund 120 sogenannte Incomings und 150 sogenannte Outgoings (diejenigen, die von Brasilien nach Ingolstadt reisen, sowie diejenigen, die einen Aufenthalt in Brasilien absolvieren), darunter Studierende, Doktoranden, Wissenschaftler und Verwaltungspersonal. Mittlerweile wurden 15 Master-, Bachelor- und Doktorarbeiten gemeinsam b etreut, ferner erste Forschungsergebnisse veröffentlicht. Überdies wurden Vertreter des A WARE-Netzwerks auf zwölf internationale Konferenzen und Workshops zur Vorstellung unserer Brasilienkooperation ein  geladen. Das hochschulinterne Zentrum für Angewandte Forschung (ZAF) der THI zählt derzeit drei kooperativ Promovierende aus Brasilien, wovon zwei über einen Arbeits- bzw. Stipendienvertrag direkt in die Forschungsaktivitäten vor Ort eingebunden sind.
 

Darüber hinaus haben sich im Rahmen von AWARE folgende Synergieeffekte ergeben:

• das jährlich, mittlerweile zum vierten Mal wechselseitig in Brasilien und  in Ingolstadt stattfindende Elektromobilitätsforum Ingolstadt-Brasilien
• die aktive Unterstützung bei der Bildung eines brasilianischen Start-ups
• strukturierte Praxisaustauschprogramme und internationale, praxisorientierte Studienprojekte in enger Kooperation mit der AUDI AG und Airbus Defence & Space

Beabsichtigt ist, dass in den Jahren 2017/2018 die von der öffentlichen Hand bereitgestellte Finanzierung von AWARE stufenweise, ab 2019 nach Auslaufen der Förderung komplett über die aufgebaute Konsortialpartnerschaft nebst Auftragsforschung und Förderprogrammen getragen wird. AWARE soll damit bis 2019 sowohl inhaltlich-wissenschaftlich als auch ressourcenseitig kontinuierlich zur Verstetigung gebracht werden und nicht zuletzt weitere Netzwerkpartner und Leuchtturmprojekte gewinnen, um einen ausreichenden Wirkungskreis und maximale Sichtbarkeit zu gewährleisten. Ein derartiges Leuchtturmprojekt ist die vom BMBF geförderte, 2017 angelaufene Forschungspartnerschaft SAFIR, ein Kooperationsprojekt gemeinsam mit Unternehmen aus der Region Ingolstadt im Bereich Verkehrss icherheit. Mit diesem Zuschlag ist die THI im bislang umfangreichsten Förderprogramm des BMBF für Fachhochschulen eine von deutschlandweit zehn ausgewählten Hochschulen, die eine Förderung erhalten. Das Gesamtvolumen einschließlich der von der regionalen Industrie bereitgestellten Mittel in Höhe von 7,4 Millionen Euro wird in den Aufbau von vier miteinander vernetzte Forschungscluster fließen: „Simulationsbasierte Testsysteme für die Pre-Crash-Phase“, „Testmethoden für die Globale Sicherheit“ sowie „Globales Sicherheitssystem“ und „Sichere Elektromobilität“. SAFIR stellt einen massiven Mehrwert für die THI und ihr regionales Netzwerk Fahrzeugsicherheit dar, von dem unter schiedliche Partner bereits in Brasilien aktiv sind. Diese Aktivitäten gilt es in den nächsten Jahren zu verbreitern und mit AWARE zu kombinieren. Insoweit schließt sich hier wieder der Kreis zur Internationalisierungsstrategie.

Internationalisierungsmaßnahmen in der strategischen Partnerschaft AWARE. © THI